Florian Storp leitet GBT der Region Zentraleuropa

So politisch waren Geschäftsreisen noch nie

Das Virus Sars-CoV-2 wird bleiben – und nun? Der Zukunftstag 2021 von American Express Global Business zeigte: Geschäftsreisen sind keine Pandemietreiber, es gibt umfassende Konzepte für sicheres Reisen, und die Unternehmen scharren mit den Hufen. Die Politik muss aufhören, Reisen pauschal zu verdammen, fordert Florian Storp. //

Noch nie war der Zukunftstag von American Express Global Business Travel (GBT) so politisch wie in diesem Jahr. Das hat mir gefallen, und der Tag hat mich optimistisch gestimmt. Ja, das Geschäftsreiseaufkommen bei GBT liegt momentan bei etwa einem Zehntel des Niveaus von 2019. Aber drei Dinge wurden ganz klar. Erstens: Alle haben wieder richtig Bock zu reisen (und zu konferieren). Zweitens: Es gibt keine Belege dafür, dass Reisen Infektionstreiber sind. Drittens: Reisen sind möglich, und zwar, ohne große Gefahren zu verursachen.

Der Reihe nach.

Erstens: Alle haben wieder richtig Bock zu reisen (und zu konferieren)

Alle Beiträge des Zukunftstages drehten sich darum, wie wir möglichst rasch und möglichst sicher in größerer Zahl in Flugzeuge, Züge und Hotels kommen. Nicht eine einzige Stimme erhob sich, um Videokonferenzen als perfekte dauerhafte Lösung zu verteidigen. Ja, der Anteil digitaler Formate wird vermutlich höher sein als früher – aber ohne Reisen geht es nicht.

„Das Leitkonzept ,businesskritisches Reisen‘ wird uns noch eine Weile begleiten“, formulierte es vorsichtig Thorsten Schneeberg von Henkel, der als GBT-Kunde zugeschaltet war. Gleichzeitig forderte er vehement einheitliche Konzepte und die weltweite Standardisierung der verschiedenen Gesundheitspässe zum sicheren Nachweis negativer Covid-19-Tests – denn Reisen ist notwendig und muss so einfach wie möglich bleiben. Das gilt auch für das Konferieren: Kai Portmann von American Meeting & Events sieht derzeit noch die virtuellen Formate im Vordergrund, wie sein Team sie gegenwärtig für American Express (den Kreditkarten-Anbieter) ausrichtet. Sogar Weinverkostungen und Kochevents sind problemlos möglich, aber zum Ende des Jahres hin, so Kai, stehen schon heute wieder klassische Live-Veranstaltungen im Zentrum der Kundenanfragen. Die Nachfrage ist da.

Auf den Punkt gebracht hat es Paul Abbott, Chief Executive Officer von GBT, und das sage ich nicht, weil er mein Chef ist: „Wir sehen ganz genau, wie eine Welt ohne Reisen aussieht – das BIP ist gesunken, die Arbeitslosigkeit gestiegen“, sagte er aus London. „Es wird keine wirtschaftliche Erholung ohne Geschäftsreisen geben. Wer im Unternehmen Kreativität freisetzen möchte, wird damit in einer zweidimensionalen Welt keinen Erfolg haben.“

Zweitens: Es gibt keine Belege dafür, dass Reisen Infektionstreiber sind.

Professor Hendrik Streeck von der Universität Bonn hielt die Keynote des Zukunftstags. Wir hatten einen der bekanntesten Virologen Deutschlands eingeladen, weil wir wissen wollten, ob er uns möglicherweise die Leviten liest. Er las Leviten, aber nicht der Reisebranche, sondern der Politik: Hätte es ebenso viele Untersuchungen zur Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen gegeben wie zur Wirksamkeit der Impfstoffe, wäre inzwischen ein viel präziseres Gegensteuern gegen die Pandemie möglich. „Es werden viel zu viele unspezifische Maßnahmen verordnet“, sagte er. „Wir brauchen ein Skalpell, keinen Hammer.“

Und genau deswegen sprach sich Streeck GEGEN Grenzschließungen aus und damit gegen eine der größten Hürden für Geschäftsreisen. Dominante Mutationen des Virus seien so nicht aufzuhalten. „Wir müssen mit dem Virus leben“, sagte er. Es müsse global und gezielt bekämpft werden. Was direkt zum dritten Punkt führt.

Drittens: Sicheres Reisen ist nachweislich möglich.

Die beiden Panels des Zukunftstags zeigten ganz deutlich: Sichere Reisen sind möglich, also Reisen, die weder die Reisenden selbst gefährden noch das Virus verbreiten.

  • Die immer wieder an die Politik gestellte Forderung „Testen, testen, testen“ ist in der Reisebranche längst Realität: „Mehr als 100 Airlines fordern bereits negative Covid-19-Tests“, sagte Heike Birlenbach von der Lufthansa Group. „Es gibt keinen öffentlichen Raum mit so vielen getesteten Menschen wie einen Flug.“
  • Monika Wiederhold von Amadeus sprach über die weltweite digitale Validierung solcher Tests durch Gesundheitspässe und sagte: „Wir sind auf einem guten Weg.“ Auch, weil die internationale Bereitschaft zur Kollaboration nie so groß gewesen sei.
  • Umfassende Konzepte für kontaktloses Reisen sind nicht nur bei der Lufthansa, sondern auch in der Mietwagen-Branche gang und gäbe, wie Christian Holler von Enterprise bestätigte.
  • Die Hotellerie hat sich auf Testungen, Abstände und Streaming eingestellt, berichtete Enrico Noack von Meliá.
  • Und Meetings & Events setzen auf das Konzept der Bubble, so Kai Portmann von Amex M & E: Um das Geschehen herum schwebt eine unsichtbare Blase, und jeder, der hineinwill, muss sich testen lassen und dann innerhalb der Blase bleiben.

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender der FC Bayern München AG und Kunde von HRG Sports, illustrierte die Diskussion mit dem Spielbetrieb. Zu Auswärtspartien fährt der Verein mit zwei Bussen statt einem, um hinreichend große Sitzabstände zu garantieren. Auch ins (europäische) Ausland kommen die Busse mit, selbst wenn die Mannschaft fliegt – auf diese Weise werden sie Teil einer „Bubble“, also eines geschlossenen Systems aus Mannschaft, Trainern und Stab. Der FC Bayern München testet seine Spieler jeden Tag, da sie immer wieder in die Bubble zurückkehren. „Das ist nicht angenehm für die Spieler, aber notwendig“, so Rummenigge. Positive Tests gibt es, wie fast überall. Wer positiv getestet wird, müsse sofort in Quarantäne und zum Beispiel separat aus Katar nach Deutschland fliegen wie Thomas Müller. So funktioniert – mit Unterstützung von GBT – konkreter verantwortungsvoller Reisebetrieb.

Zehn Fachleute saßen während des Zukunftstags um mich herum im Streaming-Studio oder waren zugeschaltet. Selten habe ich aus so vielen Mündern eine so einmütige Botschaft gehört: Wer einfach mal behauptet, Reisen sei gefährlich und müsse eingeschränkt oder gar verhindert werden, liegt nachweislich falsch. Hendrik Streeck, Paul Abbott, Monika Wiederhold – sie alle forderten stabile politische Rahmenbedingungen und konkrete Untersuchungen, Maßnahmen und Regeln.

Der Zukunftstag 2021 von American Express Global Business Travel hat mich in meiner Überzeugung bestärkt: Die Politik muss aufhören, das Reisen pauschal zu verdammen. Und zwar sofort.

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