Florian Storp, Vice President Central Europe von American Express Global Business Travel

Reisen oder nicht reisen?

Dürfen nachhaltig denkende Unternehmen überhaupt noch reisen? Und wenn ja – auch auf der Kurzstrecke? Mit solchen Fragen wird American Express Global Business Travel fast täglich konfrontiert. Florian Storp wird daher grundsätzlich. //

Nachhaltigkeit, Reisevermeidung, Flugscham – die Gretchenfrage des Jahres 2020 lautet „Reisen oder nicht reisen“. Und wenn ja, wie? Fragen und Argumente fliegen mir manchmal nur so um die Ohren. Daher hier ein paar grundsätzliche Dinge, angeregt durch meine Teilnahme an einer Podiumsdiskussion des European Aviation Symposium im Januar 2020.

1. Geschäftsreisen haben Zweck und Wert

Geschäftsreisen grundsätzlich in Frage zu stellen hat keinen Sinn. In einem gut gemanagten Unternehmen hat jede Geschäftsreise Zweck und Wert und wird im Zweifel an ihrer Rentabilität gemessen. Dahinter stehen konkrete Anforderungen des Vertriebs, der Bestandskundenpflege oder des Business Development. Und die Erwartung, dass die Reise mehr bringt, als sie kostet.

Natürlich kommen Geschäftsreisen immer wieder auf den berühmten Prüfstand. Strategien zur Reisevermeidung wie Videokonferenzen sind in deutschen Unternehmen schon lange gang und gäbe. Allein schon aus Kostengründen, in zunehmendem Maß auch aus Gründen bewussten Managements. Sie fließen selbstverständlich in die Entscheidungen für oder gegen eine Geschäftsreise ein.

Für Travel Management Companies wie American Express Global Business Travel wird es damit zunehmend zur Aufgabe, Unternehmen bei diesen Abwägungen mit Rat und Tools zur Seite zu stehen. Wir würden Unternehmen nie blind dazu raten, Reisen um der bloßen Vermeidung willen zu streichen. Genauso wenig raten wir übrigens blindlings zum Reisen, nur damit das über uns abgerechnete Flugvolumen wächst. Flugvolumina sind schon lange nicht mehr das Maß unseres Erfolgs.

Wir können uns vollkommen darauf konzentrieren, dass Geschäftsreisen für unsere Kunden nachhaltig sind – im Sinne des Umweltschutzes wie auch in dem Sinne, dass es das Unternehmen noch lange gibt.

2. Inlands-/Kurzstreckenflüge werden nie ganz verschwinden

Ohne Zweifel werden bodengebundene Verkehrsmittel in der Zukunft eine stärkere Rolle spielen als bisher, allen voran die Bahnen.

So hofft die Deutsche Bahn, bis zum Jahr 2030 rund 200 Millionen Fernverkehrs-Fahrgäste in die Züge zu locken, was einem Plus von 35 Prozent entspräche, berichtet das US-Online-Magazin „Skift“. Ebenfalls laut „Skift“ plant die niederländische Fluggesellschaft KLM, einen der täglichen Flüge zwischen Brüssel und Amsterdam durch Zugfahrten zu ersetzen. Und Barcelona hat den Flughafen El Prat aufgefordert, alle Flüge zu Zielen einzustellen, die auch per Zug erreicht werden können.

Allerdings sind Züge nur so gut wie das Netz, in dem sie sich bewegen. Trotz der engen Maschen in Deutschland brauchen Züge von Hamburg nach München zwischen 5:25 und 6:01, Flüge dagegen 1:20 Stunden. Der Unterschied ist auch durch den wildesten und teuersten Ausbau nicht wettzumachen. Ähnliches dürfte für langgestreckte Länder wie Italien oder Norwegen gelten. Und für zentralistisch organisierte Staaten: In Frankreich führen nahezu alle Verbindungen über Paris, und wer mit dem Zug von Nantes im Westen nach Lyon im Südwesten möchte, muss einen Bogen durch den Norden schlagen.

Manchmal ist das Flugzeug tatsächlich sinnvoller als die Bahn, auch im Inland. Das muss bei der Nachhaltigkeitsbetrachtung von Geschäftsreise-Programmen berücksichtigt werden.

3. Langstreckenflüge bleiben auf Sicht auf Kerosin angewiesen

Sobald es über den Ozean geht, helfen keine Züge, Tunnel oder Fähren: Es wird geflogen. Es gibt schon ein paar Ideen, wie Langstreckenflüge nachhaltig zu gestalten wären. Lufthansa und Swiss zum Beispiel wollen am Flughafen San Francisco regenerativen Treibstoff für die Flüge nach Frankfurt, München und Zürich tanken. Zum Weltwirtschaftsforum neulich in Davos wurden Geschäftsflugzeuge „mit einem Gemisch aus konventionellem Kerosin und nachhaltigem Flugzeugtreibstoff betankt“, teilt der Flughafen Zürich mit.

Das Umweltbundesamt allerdings sieht als einzige sinnvolle Variante zum fossilen Kerosin das Power-to-Liquid-Kerosin (PtL), das aus Wasserstoff und Kohlenstoffverbindungen gewonnen wird. Und die Technik ist noch nicht so weit: „Erste Großanlagen sind zwar in Planung, dennoch wird synthetisches Kerosin in ausreichender Menge erst langfristig zur Verfügung stehen.“ (Broschüre „Wohin geht die Reise?“, 2019, Seite 36) Es sei realistisch, für 2030 eine „Nationale PtL-Beimischquote von 10 %“ zu planen (Seite 37).

Und Elektrik? Es gibt bisher eine einzige Fluggesellschaft, die konsequent umstellen will: Harbour Air hat das erste vollelektrische Verkehrsflugzeug vorgestellt, ein Wasserflugzeug vom Typ DHC-2 de Havilland Beaver. Die Airline befördert zwar 500.000 Passagiere im Jahr, aber ausschließlich an der kanadischen Westküste: Die Elektrik erlaubt lediglich 160 Kilometer Reichweite.

Es gibt derzeit schlicht keine Technologie, die fossiles Kerosin ersetzen könnte. Nachhaltige Langstreckenflüge – gegenwärtig fast unmöglich.

4. Es braucht keine zusätzliche Regulierung

Wenn die Leute nicht so wollen, wie sie sollen, wird schnell der Ruf nach mehr Regulierung laut. Zum Beispiel, wenn nur eine Minderheit der Reisenden freiwillig den Kohlendioxid-Ausstoß ihrer Reise kompensiert. „Die Quote liegt […] immer noch im niedrigen einstelligen Bereich“, sagte Mitte Januar Peter Glaser vom Lufthansa Innovation Hub (Deutsche Welle). Ebenfalls im Januar veröffentlichte die britische Messe Business Travel Show die Ergebnisse einer Umfrage für den Geschäftsreisemarkt: „Derzeit gleichen nur 17 Prozent [der europäischen Reiseeinkäufer] die flugbedingten CO2-Emissionen aus (26 Prozent planen das).“

Soll die Kompensation verordnet werden? Ich frage mich, ob Zwang wirklich zur Einsicht führt. Und ob das Gefühl, im Hintergrund kümmere sich der Staat oder ein Zertifikatehandel, nicht zur Folge hat, dass das Thema Nachhaltigkeit gleich wieder aus dem Alltag verschwindet. Ganz abgesehen von der Frage, inwieweit solche Regularien in die Handlungsfreiheit der Unternehmen eingreifen und Nachhaltigkeit im Sinne eines gesunden Unternehmens einschränken.

In meinen Augen ist das stärkste Instrument der Veränderung die Nachfrage. Wenn Unternehmen diejenigen Lieferanten bevorzugen, die Nachhaltigkeit wirklich ernst nehmen, ist dies der effektivste Weg.

GBT bietet seinen Kunden übrigens den CO2-Ausgleich über das Envira Amazonia Project von Carbonfund.org aus. Dieses Projekt wurde für seinen Einsatz in Sachen Biodiversität, Gemeinwesen und Klimawandel mit dem Preis Triple Gold Distinction ausgezeichnet. Von 2016 bis 2018 hat es mehr als 5 Millionen Tonnen CO2 kompensiert, auch die Mitarbeiter-Reisen von GBT (auch meiner. Und unser Tool Green Insights bestimmt die eigenen Emissionen.

Fazit: Reisen!

Nachhaltigkeit ist ein komplexes Thema. Wir werden Geschäftsreisen nicht von heute auf morgen grün bekommen können. Die Antwort auf die Frage „Reisen oder nicht reisen?“ lautet daher ganz klar: Reisen! Nämlich dann, wenn es das Unternehmen voranbringt, Arbeitsplätze sichert und der CO2-Ausstoß systematisch kompensiert wird.

Unternehmen, die ihr Reiseaufkommen durchleuchten, ihre Reiserichtlinien modernisieren und ihre Strategie justieren wollen, finden in American Express Global Business Travel den Partner, um das kostensparend und wirkungsvoll zu tun. Und damit Druck im Markt aufzubauen.

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