Florian Storp, Vice President Central Europe von American Express Global Business Travel

Liebes „Handelsblatt“,

vor ein paar Tagen haben Sie den Travel Management Companies die Totenmesse gelesen. Florian Storp kennt verständlicherweise ein paar Gegenargumente.

Ihr Redakteur Christoph Schlautmann hat den Travel Management Companies und namentlich auch American Express Global Business Travel in der vergangenen Woche einen ganz schönen Tritt mitgegeben: Wir überließen die Digitalisierung weitgehend jungen Start-ups, schrieben Sie. Wir verlören Kunden. Unser Geschäft sei kein Selbstläufer mehr. Start-ups brächten uns unverhofft in die Defensive. Wir übernähmen Wettbewerber, „um zumindest ein leichtes Wachstum zu halten“. Wir seien viel zu spät auf den digitalen Zug aufgesprungen.

Oha. Offenbar arbeite ich in einer sterbenden Branche. Die großen Geschäftsreiseketten sind praktisch schon Geschichte und fressen sich gerade gegenseitig auf, lese ich aus Ihrem Artikel.

Sie begründen das im Wesentlichen damit, dass die Szene der Geschäftsreise-Start-ups boomt und zum Beispiel Travelperk aus Madrid neulich erneut viel Geld von Investoren einwerben konnte, nämlich 60 Millionen US-Dollar. Zudem sei der Markt laut VDR-Geschäftsreiseanalyse rückläufig. Das machen Sie unter anderem daran fest, dass die Ausgaben pro Geschäftsreise 2018, statt zu wachsen, auf dem Niveau von 2016 lagen (310 Euro pro Trip).

Als jemand, der für die weltweit führende Travel Management Company das Geschäft in Zentraleuropa führt, sehe ich die Dinge natürlich etwas anders. Erlauben Sie mir daher eine Gegenrede.

1. Der Markt schrumpft nicht, er atmet

Der Geschäftsreisemarkt gilt seit Jahrzehnten als ein Seismograf der Wirtschaft. Läuft die Konjunktur, wird viel gereist und Geld für Business Class und Hotelsterne ausgegeben. Kommen Rezession oder gar Krise, sinken Buchungszahlen und Ausgabenniveau. Das ist überhaupt nichts Neues und war während der Finanzkrise vor zehn Jahren extrem gut zu beobachten.

Nun kann man darüber diskutieren, ob das immer noch gilt. Ich höre ab und zu Stimmen, die diese Seismografen-Funktion in Frage stellen, und tatsächlich gibt es ernsthafte Bestrebungen, Geschäftsreisen dauerhaft überflüssig zu machen. Sei es aus Klimaschutzgründen, sei es, weil Mixed-Reality-Anwendungen sozusagen virtuelle Reisen ermöglichen, wie die Kollegen von i:FAO neulich anschaulich schrieben.

Unbestritten aber ist, dass der Geschäftsreisemarkt einem Auf und Ab unterworfen ist, das mit der Konjunktur zu tun hat. Gerade die von Ihnen angeführten Durchschnittskosten pro Reise zeigen das sehr schön: Die lagen 2018 zwar auf dem Niveau von 2016, wie Sie richtig schreiben, aber eben auch über dem von 2015 und über dem von 2017. Die Kurve zeigt ein Auf und Ab.

Unbestritten ist auch, dass der Markt 2018 laut VDR insgesamt gar nicht schrumpfte, wie Sie suggerieren, sondern wuchs: die Zahl der Reisenden um sieben Prozent, die Zahl der Reisen um 1,1 Prozent, die Ausgaben um 1,8 Prozent und die Ausgaben pro Geschäftsreisender pro Tag um 3,2 Prozent. Diese Hausnummern, insbesondere die Zahl von 189,6 Millionen Geschäftsreisen, werden gleich noch einmal wichtig.

Kurz: Der Markt bietet gegenwärtig immer noch Raum für Wachstum. In Deutschland hat GBT sowohl 2016 als auch 2017 (also vor der Übernahme von HRG) den Umsatz jeweils im zweistelligen Prozentbereich gesteigert.

Und global schöpfen zum Beispiel die Märkte China und Indien bei weitem noch nicht ihr komplettes (Geschäfts-) Reisepotenzial aus. Sie werden dazu beitragen, dass der Reise- und Flugsektor weiter wächst. Die Globalisierung ist auch hier lange noch nicht am Ende. Daher prognostiziert die Global Business Travel Association, dass die weltweiten Ausgaben für Geschäftsreisen von 1,3 Billionen US-Dollar im Jahr 2017 auf 1,7 Billionen US-Dollar im Jahr 2022 wachsen.

2. Der Geschäftsreisemarkt war immer schon schwierig

Aber, Sie haben Recht: Der Geschäftsreisemarkt ist kein Selbstläufer. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass er es je war. Ein mittelständisches Unternehmen in der deutschen Provinz mit 100 Leuten und einer Fabrik in Tschechien hat andere Anforderungen als ein multinationaler Konzern mit Tausenden von Reisenden auf mehreren Kontinenten. Es ist die Kunst und der Mittelpunkt ständiger Bemühungen, diese Diversität aus einer Hand zu bedienen. Die Gruppe der kleinen und mittelständischen Unternehmen sind durchaus Gegenstand starken Wettbewerbs zwischen den TMCs. Von den großen Accounts ganz zu schweigen.

„Managed Travel“, also das strukturierte, richtlinien- und technikgestützte Management des eigenen Geschäftsreiseaufkommens, ist übrigens weniger verbreitet, als Sie vielleicht meinen. Es gibt namhafte Unternehmen, die offen bekennen, dass vor sehr kurzer Zeit die Buchungen noch über das Telefon liefen oder Reisekosten-Abrechnungen per Papier oder „Excel“-Tabellen gang und gäbe waren. Das war jahrelang gelebt, und das machten sie immer schon so. Eine der Baustellen, an denen wir oft ausdauernd baggern, ist es, Unternehmen vom Managed Travel zu überzeugen. Und dort den Boden für Digitalisierung erst zu bereiten.

Solche Unternehmen haben oft einzelne Systeme in Gebrauch: für Buchungen, für Reisekosten-Abrechnungen, für die Abwicklung von Notfällen. Ihnen ist aber ausdrücklich NICHT damit gedient, ihnen neue, digitale Systeme nur für diese einzelnen Prozesse anzubieten. Denn die Unternehmen wollen End-to-end-Gesamtlösungen. Auch das wird gleich noch einmal wichtig.

3. Es gab immer schon Angreifer

Natürlich sind uns die Start-ups ein Begriff, und wir haben die Finanzierungsrunden aufmerksam verfolgt. Es gab und gibt zu jedem Zeitpunkt junge Leute, die mit frischen Ideen und einem technischen Vorsprung auf den Markt drängen, das ist das normale Marktgeschehen. Manche sind erfolgreich, andere nicht.

Eines solcher Start-ups hat GBT übrigens im Jahr 2016 gekauft, nämlich KDS in Paris. Andere binden wir ein, zum Beispiel Attendify, Double Dutch und Splash in unsere Plattform Meetings Marketplace.

4. Es geht um End-to-End, nicht um einzelne Prozesse

Außerdem müssen sich solche Start-ups – das ist wichtig – beweisen. Denn es ist relativ einfach (wenn auch im Detail natürlich schwierig, keine Frage), einen einzelnen Prozess revolutionär neu aufzusetzen, zum Beispiel den Einkauf von Leistungen, also die Buchung.

Damit ist die Nachfrage aber noch lange nicht bedient. Unternehmen verlangen heute durchgehende digitale Prozesse von der ersten Buchungsanfrage bis zur Abrechnung. Das läuft unter dem Stichwort End-to-End und umfasst: Umbuchungen. Die Abrechnung der Reisekosten. Unterwegs-Apps, zum Beispiel GBT Mobile. Die Übergabe der Reisedaten in nachgelagerte Syteme für Buchhaltung und Reporting. Die Einbindung von Reiserichtlinien in alle Prozesse.

Und was passiert, wenn die Last auf den Systemen steigt? Da kommen die oben erwähnten 189,6 Millionen Geschäftsreisen pro Jahr allein in Deutschland wieder ins Spiel: Kann ein Start-up Millionen von Reisen mit allen Teilprozessen zuverlässig abwickeln?

Travel Management Companies wie American Express Global Business Travel beweisen jeden Tag, dass sie das können.

5. Nein, wir verschlafen die Digitalisierung nicht

Travel Management Companies wie American Express Global Business Travel und alle anderen, die Sie erwähnen, bieten ein ganzes Netz von eng miteinander verknüpften Prozessen und Services. Das lässt sich nicht so knallig revolutionär digitalisieren, wie ein Start-up es mit einem isolierten Prozess kann. Und übrigens auch mit einem abgesteckten Publikum – Start-ups brauchen ja nur die zu bedienen, die ihr Geschäftsmodell verstehen und wollen.

TMCs dagegen müssen Schritt für Schritt die Gesamtprozesse angehen und auch die Kunden mitnehmen, die uns seit Jahrzehnten treu sind und vielleicht nicht so digitalaffin leben. American Express Global Business Travel treibt die Digitalisierung aktiv voran, und wir sind erfolgreich. Auch wir haben Kunden, die vollständig digital buchen. Auch wir bieten eine moderne App. Auch wir können das Datenformat NDC verarbeiten, wir gehören zum Beispiel zu den Erstnutzern der neuen NDC-Schnittstelle von Amadeus. Auch wir haben Verträge mit Fluggesellschaften, um Technik-Aufschläge zu vermeiden (mit Qantas zum Beispiel). Wir arbeiten mit Airbnb ebenso zusammen wie mit Anbietern von Firmenkreditkarten, sodass kein Reisender die Reisekosten aus eigener Tasche vorstrecken muss, wie Sie schreiben. Wir bringen regelmäßig technische Updates heraus, GBT wie auch KDS.

Und wir investieren. Als American Global Business Travel 2014 als Joint-Venture neu aufgestellt wurde, statteten uns Finanzinvestoren mit 900 Millionen US-Dollar aus. 900 Millionen. In Ihrem Artikel jubeln Sie über 60 Millionen und rufen das Ende der alten Welt aus.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich freue mich, dass Sie das Thema Digitalisierung und Geschäftsreise aufgreifen. Da ist auf dem Markt noch viel zu tun. Aus diesem Grund geben die Start-ups genau die richtigen Impulse.

Ich finde nur Ihre Folgerung sehr gewagt, American Express Global Business Travel hinke der Entwicklung hinterher. Das stimmt nicht. Wir sind sehr lebendig. Wir wachsen. Wir sind digital. Wir sind cool. Wir reden halt nicht so laut über das Geld.

Herzliche Grüße

Florian Storp

23 Gedanken zu “Liebes „Handelsblatt“,

  1. Eine sehr gehaltvolle, treffende und streckenweise herrlich süffisante Gegendarstellung ! Doro hat Recht, es war eine Freude sie zu lesen !
    Toll Florian!

  2. Guter Konter, sehr gut geschrieben! Ich bin gespannt, ob der Herr sich dazu noch einmal äußert. Bitte halte uns auf dem Laufenden 🙂

  3. Das ist doch mal was! Sehr fair, faktenbezogen und unemotional geantwortet, finde ich.
    Auf diese Gegendarstellung sollten alle Mitarbeiter hingewiesen werden, ist für alle Kollegen interessant.
    Und kommt auch intern bestimmt besser an, als ein Interview im Tesla oder vor der Dschungeltapete (nichts für ungut, Herr Storp) ; – )

  4. Fakten, Fakten, Fakten, da kann der Redakteur des Handelsblatts noch eine Menge von Herrn Storp lernen. Sehr gute und geniale Gegenrede, stellvertretend für die gesamte TMC Branche geschrieben. Gratulation, lieber Herr Storp.

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